Wer war Anna Magdalena Bach?
 

Ausschnitt aus der Besprechung von Andrew Talle (Evanston/Illinois)

(1) Martin Jarvis, Did Johann Sebastian Bach Write the Six Cello Suites?, Ph.D.Diss., Charles Darwin University, Darwin/Australien, 2007, 430 Seiten

(2) Martin Jarvis, Written by Mrs. Bach: The Amazing Discovery that Shocked the Musical World, Syndey/Australien: ABC Books (Harper Collins), 2011, 280 Seiten

(3) David Yearsley, Sex, Death, and Minuets: Anna Magdalena Bach and Her Musical Notebooks, Chicago: University of Chicago Press, 2019, 336 Seiten

(4) Eberhard Spree, Die verwitwete Frau Capellmeisterin Bach. Studie über die Verteilung des Nachlasses von Johann Sebastian Bach, Altenburg: Kamprad Verlag, 2019, 308 Seiten

 

   [...] Eberhard Spree (4) tut genau das, was Yearsley versäumt – er präsentiert detaillierte Vergleiche zwischen Anna Magdalena Bach und spezifischen Personen ihrer Zeit und ihres Umfelds, mit den Ehefrauen anderer Thomaskantoren, den Witwen anderer Leipziger und dergleichen mehr. Im Verlauf seiner Forschungen gelang es ihm sogar, einige neue Dokumente aufzutun, die sich unmittelbar auf Anna Magdalena Bachs Biographie beziehen. Spree behandelt sie durchweg als Individuum und nicht als Sprungbrett für kulturgeschichtliche Diskussionen. Er verfügt nicht über Yearsleys klaren und prägnanten Stil, sondern schreibt eher prosaisch und iterativ. Aber er ist ein ernsthafter Wissenschaftler und vermittelt seinen Lesern einen wesentlich lebhafteren und plausibleren Eindruck der Bachschen Lebenssituation, als man ihn in Sex, Death, and Minuets findet. Wo Yearsleys Versuche, Anna Magdalena Bach größeren Wirkungsraum zuzusprechen, bemüht und oft forciert erscheinen, gelingt es Spree, Materialien und Interpretationen zu präsentieren, die auf überzeugende Weise vermitteln, welch einfallsreiche Persönlichkeit sie war. Dabei richtet sein Blick sich vor allem auf ihre letzten Lebensjahre.

Es galt in der Bach-Forschung lange als erwiesen, daß Anna Magdalena Bach nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1750 einsam und verarmt zurückblieb. Einer der vehementesten Befürworter dieser Ansicht ist Reinhard Szeskus, der behauptet hat, daß sie bei der Erbteilung ungerecht behandelt wurde.[1] Die Indizien für diese These erscheinen durchaus solide: Sie erhielt einen kleineren Anteil am Vermögen ihres Mannes als ihre Kinder und Stiefkinder, wird als „Almos. Frau“ bezeichnet und wurde vom Rat der Stadt Leipzig für die Überreichung einiger Exemplare der Kunst der Fuge „wegen ihrer Dürfftigkeit“ mit 40 Reichstalern bedacht.[2] Davor hatte es allerdings bereits Bestrebungen gegeben, besonders von Maria Hübner, Anna Magdalena Bachs augenscheinliche Mittellosigkeit durch einen Vergleich ihrer Situation mit der ihrer Leipziger Zeitgenossen zu relativieren.[3] Yearsley verwirft derlei Bemühungen als Versuche, das beklagenswerte Schicksal seiner Protagonistin absichtlich zu beschönigen (S. 193f.), und füllt das letzte Kapitel seines Buches mit Analysen von Bach-Kantaten, die von Einsamkeit und Todessehnsucht handeln.

   Spree vertritt die Ansicht, daß Anna Magdalena sich keineswegs in solch verzweifelter Verfassung befand, wie man aus den überlieferten Dokumenten schlußfolgern zu müssen glaubte. Von Rechts wegen erhielt sie ein Drittel vom Nachlaß ihres Mannes und die zum Zeitpunkt seines Todes lebenden Kinder (von denen einige noch recht jung waren) teilten sich die verbleibenden zwei Drittel. Der Umstand, daß sie ihren Anteil dadurch verkleinerte, daß sie von ihren Kindern und Stiefkindern Artikel aus dem Nachlaß erwarb, ist nicht als Zeichen ihrer Armut zu werten, wie Szeskus behauptet hat, sondern vielmehr als Indikator ihrer finanziellen Stabilität. Ihre Entscheidung, die nicht unerheblichen Schulden ihrer verwitweten Schwester zu übernehmen, die gewöhnlich als Zeichen der Schwäche gedeutet wird, ist in Sprees Augen ein weiteres Zeichen der Stärke. Außerdem optierte Anna Magdalena (gemeinsam mit den übrigen Erben) für die Fortsetzung einer Investition in eine Silbermine, die Johann Sebastian 1741 getätigt und bis zu seinem Lebensende beibehalten hatte. Die mit Investitionen dieses Typs verbundenen Regulierungen waren komplex, und Spree versteht sie wohl besser als jeder andere moderne Zeitgenosse, doch selbst er kann sich keinen Reim darauf machen, was Johann Sebastian bewogen haben mag, im Laufe von neun Jahren 30 Reichstaler in dieses Bergbauprojekt zu stecken. Es ist wohl plausibel, dem Kantor die Hoffnung zu unterstellen, aus diesem Einsatz Gewinn zu ziehen, allerdings zahlten nur etwa vier Prozent der Minen in der Region Dividende. Spree führt Belege aus der Zeit an, die suggerieren, daß Investitionen dieser Art häufig als eine Art bürgerliche oder moralische Pflicht angesehen wurden und daher eher als Zuwendungen zu verstehen sind (S. 31f.). Anna Magdalena Bach und ihre Miterben jedenfalls übernahmen diese Zahlungen an die Mine nach Bachs Tod für kurze Zeit und erhöhten sie sogar; sie waren mithin zumindest anfänglich offenbar nicht besonders besorgt, dass ihnen das Geld ausgehen könnte (S. 120).[4]

   Wenn die verwitwete Anna Magdalena Bach also wohlhabender war als bisher angenommen, was waren ihre Einnahmequellen? Spree stellt fest, daß das Nachlaßverzeichnis in beachtlichem Maße unvollständig ist: Eine große Zahl von Posten, die sich ganz sicher im Besitz der Familie befanden, ist nicht vermerkt. Als Ehegattin des Verstorbenen hätte A. M. Bach die so genannte „Gerade“ zugestanden – Materialien, die nicht verkaufbar waren, oder Haushaltsgegenstände, die täglich benutzt wurden. Hierzu gehörte unter anderem auch ihre persönliche Kleidung, die zweifellos recht wertvoll war. Ferner deckte der Begriff einen Großteil der Bücher im Besitz der Familie, außerdem Objekte aus Silber, Messing und Zinn, Schreibmaterialien, Mobiliar und bestimmte Musikinstrumente (zum Beispiel Clavichorde), die nicht im Nachlaßverzeichnis genannt sind. Auch erhielt sie wahrscheinlich eine beachtliche Zahl von Porträts, die nach ihrem Tod in die eindrucksvolle Sammlung ihres Stiefsohns Carl Philipp Emanuel Bach eingingen. Spree stieß unter anderem auf ein bis dahin unbekanntes Dokument aus dem Jahr 1753, das verrät, daß Anna Magdalena einem Haushalt mit drei Kindern vorstand, darunter ihr geistig behinderter Sohn Gottfried Heinrich (1724–1763), von dem lange Zeit angenommen wurde, daß er zu der Zeit in Naumburg bei der Familie seiner Schwester Elisabeth Juliana Friderica Altnickol lebte (S. 59f.). Es muß also ausreichende finanzielle Mittel gegeben haben, wenn Anna Magdalena es sich leisten konnte, all diese Menschen zu ernähren. Das eine oder andere kam vermutlich von der Leipziger Messe, dank derer jedes Jahr nahezu drei Monate lang Kaufleute und Besucher aus ganz Europa nach Leipzig strömten. Wahrscheinlich vermietete Anna Magdalena Bach zu Messezeiten das eine oder andere Zimmer in ihrer Wohnung, wie es fast jeder tat, der ein Bett entbehren konnte. Unter den Gegenständen, um deren Übernahme aus dem Nachlaß ihres Mannes sie sich sehr hartnäckig bemühte, befanden sich „7. höltzerne Betten“. Eine solche Anschaffung würde man kaum von einer Frau erwarten, die sich auf eine einsame und verarmte Existenz vorbereitet.

   Die auffälligste Lücke im Nachlaßverzeichnis betrifft Bachs Notenbibliothek, darunter seine eigenen Kompositionen, von denen viele in den Besitz seiner Witwe übergegangen sein müssen. Spree argumentiert, daß Anna Magdalena in den 1750er Jahren Kopien ihrer geerbten Handschriften anbot, genauso wie sie es zu Lebzeiten ihres Mannes getan hatte. Daß Bachs Werke auch nach seinem Tod noch immer sehr gefragt waren, zeigen die hohen Preise, die der Musikalienhändler Breitkopf in den 1760er und 1770er Jahren für Abschriften verlangte (S. 86–91). Und schließlich engagierte C. P. E. Bach seine Stiefmutter als Kommissionärin für den ersten Teil seines Versuchs über die wahre Art das Clavier zu spielen (Berlin 1753). Spree bemerkt scharfsinnig, daß C. P. E. Bach keiner seiner elf Anzeigen (aus den Jahren 1752, 1754 und 1759) eine Adresse beifügte, die es potenziellen Kunden ermöglicht hätte, sie aufzusuchen (S. 210–213); er vertraute offensichtlich darauf, daß seine Stiefmutter bekannt genug war, daß es Interessenten an seiner Abhandlung keine Probleme bereiten würden, sie in einer Stadt von 30.000 Einwohnern ausfindig zu machen, und daß der Zustand ihrer Wohnung die Bach-Familie nicht beschämen würde.

   Der Umstand, daß Anna Magdalena von der Stadt Almosen erhielt, bedeutet nicht zwingend, daß sie bedürftig war, wie Szeskus, Yearsley und andere vermutet haben. Spree merkt an, daß eine andere sogenannte Almosenfrau, die Witwe eines Ratsherrn, Hausdiener beschäftigte und von ihrem Stiefsohn ein regelmäßiges Einkommen bezog. Selbst nachdem sie unerwartet 1000 Reichstaler erbte, wurde ihr das städtische Almosen weiterhin ausbezahlt (S. 247). Der Rat der Stadt Leipzig wies zwar auf Anna Magdalenas „Dürfftigkeit“ hin, doch auch dies war ein Begriff, mit dem man gewöhnlich Witwen bezeichnete – nicht unbedingt, weil sie arm waren, sondern wegen des Schmerzes, der gewöhnlich mit dem Verlust des Ehemannes einhergeht (S. 217–219). Wie Gottfried Barth (1650–1728) es in einer 1721 veröffentlichten Abhandlung über Erbschaftsregulierungen formuliert hat: „Daß der Wittben-Stand ein elendes und sehr miserables Leben sey, wird wohl niemand läugnen, indem die Wittben ihres Beschirmers, und Ernährers beraubet seynd, und deswegen in denen Rechten […] nicht unbillig unter die armseligen, und miserabeln Personen gezehlet werden, ohne Unterscheid, wes Standes, Würden, und Vermögens sie seynd.“[5] Anna Magdalena Bach erhielt finanzielle Unterstützung nicht, weil sie mittellos war, sondern weil den Stadtvätern daran gelegen war, daß sie den Lebensstandard beibehalten konnte, den sie zu Lebzeiten ihres Mannes genossen hatte (S. 145–173).

   Im Gegensatz zu Yearsleys Vorwurf der Beschönigung tendierte die Bach-Forschung bisher dazu, die Härte von Anna Magdalena Bachs Schicksal nicht etwa herunterzuspielen, sondern hervorzuheben. Warum war uns so daran gelegen, sie leiden zu lassen? Zum Teil wohl, weil wir unbewußt immer noch von der von Esther Meynell so treffend formulierten Prämisse ausgehen, daß für sie „nur noch sein Leben“ galt. Wie hätte eine solche Frau als Witwe prosperieren können? Was aber noch problematischer ist: Wir haben von Anna Magdalena Bach erwartet, daß sie unseren eigenen Schmerz stellvertretend auf sich nimmt. Denn letztlich legen wir in die ihr zugeschriebene Misere unsere eigene Hilfosigkeit angesichts der uns von J. S. Bach trennenden unüberbrückbaren Kluft. In der Absicht, neue Perspektiven auf seine Musik zu gewinnen, sammeln wir mühsam Informationen über sie und all die anderen Gestalten im Umkreis des Komponisten – Schüler, Kollegen, Gönner und auch weit marginalere Figuren. Damit hoffen wir, den Quellen seiner Kreativität ein klein wenig näherzukommen, weiter in die brillanten Tiefen von etwas makellos Gutem zu spähen. Anna Magdalenas Zugang zu Bach war enger als der irgendeines anderen Menschen. Sein Verlust bedeutete für sie nicht nur, daß sie den Tod ihres – sterblichen – Ehemannes zu verkraften hatte, sondern zugleich wurde auch ihre tiefe Verbindung zu einem längst als unsterblich betrachteten Wesen durchtrennt. Sie ist unsere Maria Magdalena, die über den Leichnam unseres Heilands weint. Ihr Elend darf keine Grenzen kennen.

 

   Bis zu dem Tag, an dem jemand eine von der echten Anna Magdalena Bach verfaßte Kleine Chronik entdeckt, wird sie für uns ein Trugbild bleiben und manch einer, der Verbindungen zur Musik ihres Mannes sucht, wird weiterhin Wege finden, sich ihm stellvertretend durch sie anzunähern. Konfrontiert mit einem Mangel an biographischen Daten projizieren wir auf Anna Magdalena Bach die Eigenschaften, die in unseren Augen am besten zu der Ehefrau des größten Musikers aller Zeiten passen. Wir bestehen darauf, daß sie eine begabte Sopranistin, eine sorgfältige Kopistin, ein Ausbund an moralischer Tugend und eine treusorgende Mutter war, da es uns unangenehm wäre, wenn Bach eine mittelmäßige Sängerin, eine nachlässige Kopistin, eine unmoralische Karrieristin oder eine gleichgültige Mutter geheiratet hätte. Und der Gedanke, daß sie das Leben auch nach dem Tod ihres Mannes hätte genießen können, ist schlicht undenkbar.

   Eine solche Voreingenommenheit ist der Gewinnung neuer Erkenntnisse kaum förderlich, doch was würde helfen? Diejenigen, die wirklich an Bachs Ehefrau interessiert sind, werden in der wissenschaftlichen Welt bleibende Spuren hinterlassen, indem sie neue Dokumente ausgraben, die sich unmittelbar auf die Biographie Anna Magdalena Bachs beziehen, indem sie das Leben anderer Frauen (einschließlich der Bach-Töchter) mit ähnlichen Lebenserfahrungen beleuchten und indem sie die von ihr angefertigten handschriftlichen Quellen (Musikalien und auch andere Dokumente) untersuchen, um herauszufinden, was diese über ihre Vorlieben und Beziehungen verraten. Welche Methoden wir auch anwenden und welche Leserschaft wir auch ansprechen, immer ist es von zentraler Wichtigkeit, daß wir die frustrierenden Unklarheiten der historischen Datenlage akzeptieren. Anna Magdalena Bach verdient es, von den Bürden der Repräsentation befreit und als individuelles menschliches Wesen behandelt zu werden.

 

[1] R. Szeskus, Bach in Leipzig. Beiträge zu Leben und Werk von Johann Sebastian Bach, Wilhelmshaven 2003, S. 55 und 104.

[2] Maria Hübner, Anna Magdalena Bach. Ein Leben in Dokumenten und Bildern, Leipzig 2004, S. 84–106, speziell S. 97, 100 und 105.

[3] Maria Hübner, Zur finanziellen Situation der Witwe Anna Magdalena Bach und ihrer Töchter, BJ 2002, S. 29–60.

[4] Die Erben stellten ihre Investitionen in die Mine um die Mitte des Jahres 1751 ein.

[5] Zitiert nach (4), S. 219.