Frankfurter Allgemeine Zeitung, Montag, 5. August 2019

 

 

Ein Gespräch mit dem Musikhistoriker Eberhard Spree

Was hieß es, Bachs Frau zu sein?
 

Neue Forschungen zeigen, dass Anna Magdalena Bach erhebliche Kompetenzen besessen haben muss, um als Unternehmerin zu arbeiten. Kinder und Küche waren Aufgabe des Personals.

Eberhard Spree ist im Hauptberuf Kontrabassist des Gewandhausorchesters Leipzig. Doch hat er im Nebenberuf in den letzten Jahren detaillierte Forschungen über Anna Magdalena Bach, die zweite Frau von Johann Sebastian Bach betrieben. Sein Buch „Die verwitwete Frau Capellmeisterin Bach. Studie über die Verteilung des Nachlasses von Johann Sebastian Bach“ erschien im Frühjahr im Verlag Klaus-Jürgen Kamprad. Es ist ein gewichtiger Beitrag zur Sozialgeschichte der Ehe und insbesondere der Frau im achtzehnten Jahrhundert. Wir trafen uns, um darüber zu sprechen.

F.A.Z.       

 

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Als Anna Magdalena Bach 1760 starb, wurde sie in den Akten verzeichnet als Almosenempfängerin aus der Hainstraße in Leipzig. War sie nach dem Tod ihres Mannes Johann Sebastian Bach eine arme mittellose Frau?

   Da müssen wir erstmal klären: Was ist „arm“? Ich las in einem Buch der damaligen Zeit, dass eine Witwe ja ihres Beschirmers beraubt sei und deshalb unter die armseligen und miserablen Personen gezählt werden müsse, ohne Unterschied welchen Stand und welches Vermögen sie habe. Der Begriff „Armut“ wurde in der damaligen Zeit auch immer standesbezogen genutzt. Dass Anna Magdalena Bach Unterstützung – Almosen – durch die Stadt Leipzig und die Universität empfing, zeigt zunächst nur, dass sich ihre finanziellen Lebensumstände deutlich verschlechtert hatten und sie aus eigenen Mitteln nicht ihren standesgemäßen Lebensstil aufrechterhalten konnte. So erhielt zum Beispiel auch eine Kaufmannswitwe, die Dienstpersonal hatte, Almosen von der Stadt. Dazu sollte man auch wissen, dass die Familie Johann Sebastian Bachs zu seinen Lebzeiten über Einkünfte verfügte, dass mindestens das Zehn- wahrscheinlich sogar Zwanzigfache vom Einkommen eines ausgebildeten Bergmanns betrugen.

 

Für wen musste Anna Magdalena Bach nach dem Tod ihres Mannes sorgen?

   Ihre beiden jüngsten Töchter, die beim Tod ihres Mannes – 1750 – acht und zehn Jahr alt waren, lebten bei ihr, wie auch ihr Sohn, der 26-jährige geistig behinderte Gottfried Heinrich. Im Zuge meiner Forschungen fand ich ein Dokument, aus dem das eindeutig hervorgeht. Man ging bisher davon aus, dass Gottfried Heinrich nach dem Tod des Vaters im Haushalt der Schwester in Naumburg lebte, weil er dort, dreizehn Jahre später, beigesetzt wurde. Der Umstand, dass sich die 48-jährige Witwe Anna Magdalena Bach nach dem Tod ihres Mannes in der Lage sah, die Verantwortung für zwei unmündige Töchter und einen behinderten Sohn zu übernehmen, zeigt doch, dass sie und ihre auswärtigen Angehörigen davon ausgingen, dass sie dafür über die nötigen Voraussetzungen verfügte.

 

Bezog sie die Kosten dafür nur von der öffentlichen Hand?

   Die damalige Gesellschaft hat Witwen nicht versorgt. Man erwartete, dass diese entsprechend ihrem Stand und ihren Möglichkeiten für ihren Unterhalt sorgten. In diesem Fall wurde von „würdigen Armen“ gesprochen, die berechtigt waren, Unterstützungen – Almosen – zu erhalten. Ich habe einmal die bekannten Unterstützungen für Anna Magdalena zusammengerechnet. Sie reichen nicht annähernd aus, um das tägliche Überleben einer vierköpfigen Familie zu ermöglichen. Anna Magdalena muss über weitere Einkünfte verfügt haben.

 

Welche Einkünfte könnte Anna Magdalena Bach gehabt haben?

   Wir haben über sie ja nur ganz wenige Quellen. Es ist aber auffällig, dass sie 1750 bei der Aufteilung des Nachlasses ihres Mannes Wert darauf legt, einen Haushalt zu übernehmen, der auf mindestens sieben Personen ausgelegt ist. Das lässt darauf schließen, dass sie weitere Personen aufnehmen wollte. Vermietung von möblierten Zimmern war in Leipzig ein sehr lohnendes Geschäft. Es gab Studenten und Messegäste. Auch Johann Wolfgang von Goethe, der nur wenige Jahre nach dem Tod von Anna Magdalena Bach nach Leipzig kam, wohnte bei einer Witwe und schreibt, dass er während der Messe ausziehen musste, weil dann ein Händler in seiner Unterkunft wohnte. Messegäste zahlten deutlich mehr. Anna Magdalena hatte mit der Unterbringung und Versorgung von Privatschülern ihres Mannes, die im Haushalt lebten, Erfahrung.

 

Gab es noch andere unternehmerische Tätigkeiten, durch die sie sich und ihre Familie versorgt hat?

   Die Witwe Anna Magdalena Bach war als Musikalienhändlerin tätig. Wir wissen aus Annoncen, das man bei ihr „Die Kunst der Fuge“ erwerben konnte. Für ihren Stiefsohn Carl Philipp Emanuel Bach vertrieb sie dessen Lehrwerk „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“. Er hatte ein Netzwerk von „Collecteuren“ aufgebaut, durch das sein Werk in verschiedenen Städten vertrieben wurde. Er erweiterte es ständig und beendet auch die Zusammenarbeit mit einigen Collecteuren. Die entsprechenden Zeitungsanzeigen von 1752 bis 1759 zeigen, dass in der Universitäts- und Messestadt Leipzig immer „die verwitwete Frau Capellmeisterin Bach“ für den Vertrieb verantwortlich war. Sie scheint also bis an ihr Lebensende, sie starb im Februar 1760, ihre Aufgaben gut erfüllt zu haben. Dazu muss sie in Fachkreisen bekannt gewesen sein und in Umständen gelebt haben, die für ihren Stiefsohn keine Schande waren. Es ist wohl davon auszugehen, dass sie auch andere Musikalien vertrieb.

 

Weshalb?

   Hätte Anna Magdalena nicht mindestens ein Drittel der Musikalien ihres Mannes erhalten hat, hätte sie Einspruch vor der Vormundschaftsdeputation der Universität einlegen können. Außerdem verwaltete sie die Erbanteile ihrer unmündigen Kinder, die ebenfalls Anspruch auf ihren Anteil hatten. Mit diesem Fundus konnte sie Kopien dieser Musikalien anbieten. Daran bestand ein Bedarf. Johann Gottlob Immanuel Breitkopf bot in einem Katalog 1761 Abschriften von mehr als dreißig Kantaten Johann Sebastian Bachs an. Der Preis für den Stimmensatz einer Kantate lag dabei höher als der Wochenlohn eines ausgebildeten Bergmanns. Als 1755 in Leipzig etliche Kantaten Bachs von Christian Friedrich Penzel kopiert wurden, griff dieser auch auf Partituren zurück, die man bisher dem Besitz von Wilhelm Friedemann Bach in Halle zuordnete. Es ist natürlich nicht vollkommen auszuschließen, dass Penzel sich diese von Halle kommen ließ. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie sich in Leipzig bei der „verwitweten Frau Capellmeisterin Bach“ befanden.

 

Sie muss mit diesem Handel aber Erfahrungen gehabt haben. War sie schon zu Lebzeiten ihres Mannes eine Unternehmerin?

   In der damaligen Zeit bildeten Ehepaare auch berufliche Arbeitsgemeinschaften. So war es zum Beispiel möglich, dass Witwen sehr häufig den Betrieb ihres Mannes weiterführten. Neben seinen Tätigkeiten als Musikdirektor der Stadt Leipzig und Lehrer an der Thomasschule, unterrichtete Johann Sebastian Bach Privatschüler, die auch im Haushalt wohnten, verlieh und verkaufte Instrumente, vertrieb Musikalien, verlegte eigene Werke. Als Ehefrau war Anna Magdalena ein wichtiger Partner bei der Führung dieses „Unternehmens“. Sie kopierte Noten. Nach dem Tod ihres Mannes bestellte man bei ihr die Ratswechselkantate. Es wurde also davon ausgegangen, dass sie in der Lage war, eine solche Aufführung zu organisieren. Dass sie sich in den Notenbeständen auskannte, zeigen schriftliche Notizen.

 

Also war sie als Witwe Almosenempfängerin und selbständige Unternehmerin zugleich?

   Ja. Man muss aber mit dem Wort „Unternehmerin“ vorsichtig sein. Wir wissen nicht, welche Einkünfte sie damit erzielte und welchen Tätigkeiten sie sonst noch nachging. Eine „Anstellung“ kann dabei nicht vollkommen ausgeschlossen werden.

 

In unseren Tagen ist der Vorwurf laut geworden, dass Johann Sebastian Bach die Versorgung der weiblichen Angehörigen seiner Familie gleichgültig gewesen sei. Als regelrechter Macho habe er sich nicht darum gekümmert, ob seine Frau und seine Töchter nach seinem Tod ein Auskommen haben würden. Zu welchen Ergebnissen sind Sie da durch Ihre Forschungen gekommen?

   Ob Bach ein Macho gewesen ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe ihn nicht erlebt. Seine Frau konnte er nicht als Alleinerbin per Testament einsetzen. Ein Testament, das die Ansprüche der Kinder nicht berücksichtigte, war ungültig. Das Verteilungsverhältnis sah vor: Zwei Drittel bekommen die Kinder, ein Drittel bekommt die Witwe. Sie erhielt außerdem die sogenannte Gerade. Das waren die Gegenstände, mit denen sie im täglichen Leben Umgang hatte, darunter sämtlicher Schmuck und alle Bücher, in denen sie zu lesen pflegte. Die Vormundschaftsdeputation der Universität wachte darüber, dass die unmündigen Kinder ihre Anteile bekamen. Deshalb wurde das bekannte Nachlassverzeichnis aufgestellt, wofür Anna Magdalena verantwortlich war. Dieses Verzeichnis gibt nicht den Besitzstand der Familie Bach wider. Die „Gerade“ ist dort nicht aufgeführt. Es fehlen die Dinge, die Bach verschenkte. Diese Schenkungen konnten auch erst mit dem Todesfall wirksam werden. Darunter dürften die Musikalien gefallen sein. Da auf den verschiedenen Seiten etliche Juristen daran beteiligt waren, kann davon ausgegangen werden, dass der Vorgang den rechtlichen Bestimmungen und Bräuchen entsprach. Anna Magdalena stand Dr. Friedrich Heinrich Graff zur Seite, der Advokat am Oberhofgericht war.

 

Aus Ihrem Buch erfährt man auch Genaueres über eine Unternehmensbeteiligung von Johann Sebastian Bach. Er besaß Anteile am Ursula Erbstolln, einem Silberbergwerk im Erzgebirge. Hat Anna Magdalena dieses Engagement fortgeführt?

   Das war ja der Ausgangspunkt meiner Forschungen. Bach besaß einen „Kux“ - einen Bergwerksanteil. Dieser „Kux“ war aber etwas anderes als eine Aktie. Mehr als achtzig Prozent der Bergwerke in Kursachsen waren damals auf finanzielle Zuschüsse ihrer Anteilseigner angewiesen. Man hatte Bach Anteile einer solchen Grube umsonst angeboten, er nahm sie an und wusste: Jetzt erwartet diese Grube finanzielle Unterstützungen. Und er zahlte sie. Die Chance, mit einem solchen Anteil Gewinn zu machen, war äußerst gering. Von über hundert Gruben gelang das nur zwei bis drei Bergwerken innerhalb von zehn Jahren. Die Erben übernahmen diesen Anteil. Ich konnte nachweisen, dass sie im Januar/Februar 1751, also ein halbes Jahr nach Johann Sebastians Tod, das Bergwerk finanziell unterstützten. Daran beteiligte sich die Witwe Anna Magdalena mit einem Betrag, der über dem Wochenlohn eines Bergmanns lag.

 

Ich fasse mal zusammen: Die Witwe Anna Magdalena Bach war eine Frau, die sich juristische Expertise verschaffen konnte, die unternehmerisch dachte, die im Musikalienhandel Erfahrung hatte. Was für eine Partnerin ist sie für Johann Sebastian gewesen?

   Anna Magdalena war zunächst Hofsängerin in Köthen. Mit ihrer Eheschließung wurde sie die Frau Capellmeisterin. Das war ein sozialer Aufstieg. Sie hatte das Recht, die Titel ihres Mannes zu tragen und genoss entsprechende Wertschätzungen. Es war nicht ihre Aufgabe, fortan am Kochtopf zu stehen und sich vorrangig um die Kinder zu kümmern. Dafür gab es Dienstpersonal. Johann Sebastian war verpflichtet, bei Ortsabwesenheit für die Vertretungen zu sorgen. Nach seinem Tod wurde die Ratswechselkantate bei Anna Magdalena bestellt. Sie wird auch bei seinen vorherigen zeitweisen Abwesenheiten für die Organisation der Abläufe verantwortlich gewesen sein. Auf wie viel Unterstützung sie dabei zurückgreifen konnte, zeigt eine mehrwöchige Reise, die sie gemeinsam mit ihrem Mann 1732 nach Kassel unternahm. Im Haushalt lebten zu dieser Zeit vier Kinder, die noch keine zehn Jahre alt waren, darunter ein Säugling von zwei Monaten. Das heißt, neben einer Köchin und anderem Dienstpersonal, muss auch eine Amme angestellt gewesen sein.

 

Wir denken uns das Leben in der Familie Bach sehr harmonisch, sehen das Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach und haben idyllische Vorstellungen von einem innigen Verhältnis der Eheleute. Gibt es Indizien, dass es wirklich so gewesen sein könnte?

   Ich hoffe, dass es so war. Wir hören die schöne Musik und denken uns ein harmonisches Familienleben dazu. Aber diese Musik muss nicht zwingend die seelische Beziehung des Ehepaars Bach widerspiegeln. Damals war eine Eheschließung eine Ausgangsbasis für die gemeinsame Führung eines Wirtschaftsunternehmens. Wir können wohl davon ausgehen, dass Anna Magdalena ihren diesbezüglichen Aufgaben gerecht wurde. Dass zeigt ja dann nach dem Tod ihres Mannes ihre Zusammenarbeit mit Carl Philipp Emanuel. Leider wissen wir nur sehr wenig über sie, nicht einmal, wie sie aussah. Nach dem Tod ihres Mannes war sie aber keine gebrechliche Frau. Sie übernahm Verantwortung für ihre Kinder. Sie hatte eine musikalische Ausbildung, besaß Erfahrungen mit der Organisation eines großen Hauswesens und die Kenntnisse, die sie durch die Zusammenarbeit mit ihrem Mann erworben hatte. Diese nutzte sie als Witwe, denn sie war verpflichtet, aktiv für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

 

Das Gespräch führte Jan Brachmann.