Wie sah Anna Magdalena Bach aus?



In einer Aufstellung von Bildnissen, gedruckt 1790, ist zu lesen: „Bach, (Anna Magd.) Sopranistin, J.S. zweyte Frau. In Oel gemahlt von Cristofori. 2 Fuß, 1 Zoll hoch, 23 Zoll breit. In goldenen Rahmen“ .

(siehe Abbildung I).

Abbildung I: Verzeichniß des musikalischen Nachlasses des verstorbenen Capellmeisters

Carl Philipp Emanuel Bach, Hamburg 1790, Seite 95


Dieses Gemälde besaß ihr Stiefsohn Carl Philipp Emanuel Bach. Nach seinem Tod 1788 ließen die Erben ein Verzeichnis drucken, um Interessenten Teile des Nachlasses zum Verkauf anzubieten. In der Aufstellung für die Bildnissse verschiedener Persönlichkeiten, von denen Carl Philipp Emanuel Bach eine große Anzahl besaß, ist das Gemälde von Anna Magdalena Bach aufgeführt. Über sein weiteres Schicksal ist leider nichts bekannt.

Die Chance, dass es gefunden werden könnte, erachte ich für sehr gering. Auf diesem Bild müsste eindeutig vermerkt sein, dass es Anna Magdalena Bach darstellt. Da sie als die Ehefrau von Johann Sebastian Bach doch recht bekannt ist, wäre ein solches Bild wohl bereits aufgefunden worden, wenn es noch existieren würde.

So fällt die Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage recht ernüchternd aus: Wir wissen es nicht. Alle Abbildungen, die Anna Magdalena Bach in Publikationen oder im Internet angeblich darstellen, sind mehr oder weniger hübsche Illustrationen, aber nicht authentisch.

Es dürfte auch nicht hilfreich sein, aus der Tatsache, dass sie Hofsängerin war, auf ihr Aussehen zu schließen. Es ist natürlich möglich, dass sie es für notwendig befand, bei Auftritten bewusst weibliche Reize einzusetzen (was aber nichts darüber aussagt, wie sie aussah). Vorstellungen in diese Richtung liefern Stoff für Romane, sind aber reine Phantasien. Vielleicht war es nämlich auch ganz anders und sie hasste solche Art des Auftretens, wollte auf der Bühne allein die Musik sprechen lassen (was nicht bedeuten muss, dass sie nicht attraktiv war).

Es bleibt dabei: Wir wissen es nicht!


Recht hartnäckig hält sich eine These, dass ein besonderer Stich Anna Magdalena Bach darstellen soll. Es handelt sich dabei um eine Darstellung aus dem Büchlein "Singende Muse an der Pleiße" (siehe Abbildung II).

Abbildung II: Abbildung aus Sperontes: Singende Muse an der Pleiße


Dieses Büchlein erschien 1736 in Leipzig. In ihm sind verschiedene Texte abgedruckt, die mit einer sehr einfachen musikalischen Begleitung versehen sind. Autor ist ein gewisser Sperontes, der mit bürgerlichem Namen Johann Sigismund Scholze hieß. Bei der Betrachtung der Abbildung wird sehr schnell deutlich, dass sie allegorische Züge hat. So schaut unter einem Tisch ein Satyr heraus und Gott Hermes spielt auf einem Tasteninstrument. Schon das wirft Zweifel auf, ob es sich bei den anderen Personen um porträthafte Darstellungen handelt und am Tisch im Vordergrund Johann Sebastian Bach sowie seine Frau Anna Magdalena zu sehen sind (siehe Abbildung III).

Abbildung III: Ausschnitt aus der Abbildung II


Eine Dame spielt auf einem Tasteninstrument, höchstwahrscheinlich einem Clavichord. Der lauschende Herr trägt eine Perücke, die nur ein wenig über die Ohren geht. Sie hat eine gewissen Ähnlichkeit mit der, die Johann Sebastian Bach auf dem bekannten Gemälde von Elias Gottlob Haußmann trägt. Aus der Form einer Perücke und dem Spielen auf einem Tasteninstrument auf bestimmte Personen zu schließen, ist aber äußerst gewagt.

Leipzig hatte damals über 30.000 Einwohner. Es gab dort viele Menschen, die sich an Musik erfreuten. Wenn es anders gewesen wäre, hätte die Publikation "Singende Muse an der Pleiße" ja keine Käuferschaft gehabt. Die einfachen Lieder in dieser Publikation sind so ziemlich das Gegenteil von dem, wofür Johann Sebastian Bach bekannt war und ist. Mit seinen gedruckten Kompositionen wendete er sich an ein Fachpublikum, da sie sich durch eine hohe Komplexität auszeichnen.

Als das Büchlein "Singende Muse an der Pleiße" erschien, war Johann Sebastian Bach bereits 15 Jahre mit Anna Magdalena verheiratet. In ihrem Haushalt erklang ständig auf sehr hohem Niveau Musik. Es wurde unterrichtet, geübt und geprobt. Ist es da wirklich vorstellbar, dass sich Johann Sebastian das Spiel seiner Frau anhörte, während gleich daneben Leute miteinander sprachen, Karten spielten und Billardkugeln aneinanderschlugen? Ich gehe nicht davon aus, dass die beiden daran Freude gehabt hätten, dafür ein Instrument an diesen öffentlichen Platz trugen und dann auch noch den Aufwand des Stimmens auf sich nahmen.

Dieses Bild sollte wohl vor allem deutlich machen, in welches Umfeld die Werke aus Büchlein "Singende Muse an der Pleiße" stimmungsmäßig passen würden. Sich mit Hilfe dieser Darstellung ein Bild von Anna Magdalena Bach zu machen, erachte ich als irreführend. Ein goldener Rahmen ohne Bildnis ist da (leider) passender.