Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen? (Teil I)

Die erste Frau von Johann Sebastian Bach war im Juli 1720 verstorben. Als er am 3. Dezember 1721 erneut heiratete, brachte er vier Kinder mit in die Ehe. Seine neue Gemahlin, Anna Magdalena Bach geborene Wilcke, gebar in den nächsten Jahren dreizehn Kinder.

Entsteht bei diesen Zahlen nicht zwangsläufig die Vorstellung, dass sich die Kräfte der Anna Magdalena Bach mit der Betreuung dieser Kinder, dem täglichen Kochen für die Familie und den Reinigungsarbeiten im Haus erschöpft haben müssen? Sie hatte doch überhaupt keine Zeit für andere Aktivitäten. Gibt es da eigentlich noch weiteren Forschungsbedarf?

Die Sache sollte aber etwas genauer betrachtet werden.


Johann Sebastian Bach brachte folgende Kinder in seine zweite Ehe mit:

Catharina Dorothea (〰 29.12.1708, † 14.1.1774)

Wilhelm Friedemann (* 22.11.1710, † 1. 7.1784)

Carl Philipp Emanuel (* 8. 3.1714, † 14.12.1788)

Johann Gottfried Bernhard (* 11.5.1715, † 27.5.1739)


Anna Magdalena Bach gebar folgende Kinder:

Christiana Sophia Henrietta (* März/April 1723, † 29.6.1726)

Gottfried Heinrich (* 26.2.1724, ⚰ 12.2.1763)

Christian Gottlieb (〰 14.4.1725, † 21.9.1728)

Elisabeth Juliana Friderica (〰 5.4.1726, † 24.8.1781)

Ernestus Andreas (〰 30.10.1727, † 1.11.1727)

Regina Johanna (〰 10.10.1728, † 25.4.1733)

Christiana Benedicta (〰 1.1.1730, † 4.1.1730)

Christiana Dorothea (〰 18.3.1731, † 31.8.1732)

Johann Christoph Friedrich (〰 23.6.1732, † 26.1.1795)

Johann August Abraham (〰 5.11.1733, † 6.11.1733)

Johann Christian (〰 7.9.1735, † 1.1.1782)

Johanna Carolina (〰 30.10.1737, † 18.8.1781)

Regina Susanna (〰 22.2.1742, † 14.12.1809)

Symbole: * - geboren, 〰 - getauft,

† - verstorben, ⚰ - beerdigt


In den zu den Lebensdaten Auskunft gebenden Büchern sind als Handlungen die Taufen und die Begräbnisse verzeichnet. Geburts- und Sterbedaten sind nicht immer angegeben. Kinder wurden manchmal am gleichen Tag oder auch in den nächsten Tagen getauft. Verstorbene setzte man meist wenige Tage nach dem Tod bei.

Von Christiana Sophia Henrietta ist der Taufeintrag höchstwahrscheinlich verloren gegangen. Er konnte bisher nicht entdeckt werden. Nach einer Notiz in einem Schulheft ihres Halbbruders Wilhelm Friedemann wurde sie 3 1/4 Jahre alt. (siehe Dok II, Seite 158)


Taufstein von 1615 in der Thomaskirche zu Leipzig


Es können nur Vermutungen angestellt werden, wie Anna Magdalena Bach die Schwangerschaften und Geburten durchlebte. Sieben Monate vor der Geburt ihrer Tochter Regina Susanna erkrankte sie schwer. Es ist aber auch hier nicht bekannt, ob das in einem Zusammenhang mit der Schwangerschaft stand.

Die angeführten Lebensspannen zeigen, dass die Familie häufig den Tod von Kindern überwinden musste. In den kommenden Jahren wurden weitere geboren. Wilhelm Friedemann verließ 1733 das Haus, Carl Philipp Emanuel folgte 1734, Johann Gottfried Bernhard 1735.

Die Zeiten, in denen die Kinder im Haushalt von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach lebten, sind im folgenden Diagramm dargestellt (in Klammern ist das Alter der Kinder aus der ersten Ehe zum Zeitpunkt der Eheschließung von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach angegeben):

Es wird deutlich, dass nur im Sommer 1732 für einige Wochen neun Töchter und Söhne im Haushalt lebten, ansonsten weniger. Zu diesem Zeitpunkt waren die ältesten aber schon 17, 18, 21 und 23 Jahre alt. Es kann davon ausgegangen werden, dass sie keine Betreuung mehr benötigten. Es sollten also die Kinder betrachtet werden, die unter zehn Jahre alt waren. Da lebten im Sommer 1732 für kurze Zeit fünf im Haushalt, sonst weniger. Die Durchschnittsanzahl der Kinder, die zwischen 1721 und 1750 im Haushalt lebten und unter zehn Jahre alt waren, liegt unter drei.


Aber natürlich braucht die Betreuung und Versorgung von drei oder vier Kindern ebenfalls sehr viel Kraft und Zeit, wodurch die Möglichkeiten für andere Tätigkeiten bedeutend einschränkt werden können. Aber musste Anna Magdalena Bach all den Aufgaben, die mit der Versorgung der Kinder zusammenhingen, selbst nachkommen? Heide Wunder, eine der größten Kapazitäten für Forschungen über Frauen der Frühen Neuzeit, stellte für diese Zeit fest: „Alle Arbeiten – außer der Entbindung – konnten als Lohnarbeit delegiert werden“. (Wunder 1992, Seite 100)

Es gibt etliche Hinweise, dass auch Anna Magdalena Bach diese Möglichkeiten nutzte. (Siehe Teil II)